Wozu ein Bürger*innenradio?
Wer darf reden, wer darf mitreden und vor allem wer hört zu? Für eine friedliche Gesellschaft braucht es Gespräche, die die Menschen einladen, sprech-, aber auch zuhörensfähig zu werden. Das ist nicht so einfach, wie es klingt. Möchte man jemanden erreichen, muss man die Sprache des Empfängers sprechen. Und einen vertrauensvollen Raum herstellen, umso mehr, geht es um
konfliktreiche Themen. Was ist das? Im Grunde handelt es sich um das Wesen von Carearbeit. Ich bin empathisch und bleibe empathisch, auch wenn mein Gesprächspartner mir konfrontativ, ausweichend oder schauspielend gegenüber zu stehen scheint. Nicht gemeint ist damit, dass ich jemanden zur Zielgruppe mache und Gespräche performativ empathisch ablaufen lasse. Nicht gemeint ist damit, dass ich mich selbst völlig aus der Gleichung rausnehme und meinen Standpunkt aufgebe. Vielmehr ist damit gemeint in eine Haltung zu kommen, die meine Gedanken und Positionen im Sprechen noch mal überprüfbar machen. Wenn ich einfach, klar und zugewandt meine Position formulieren kann, bin ich stark. Dann ist da auch
Vertrauen, Respekt oder Klarheit, an der sich gerieben werden kann.
Ein Bürger*innenradio hat die Möglichkeit Stimmen hörbar zu machen, die nicht hörbar sind. Menschen, die aufgrund ihrer Wohnungssuche, Jobs, Geldnöte, psychischen Erkrankungen und mangelndem Selbstvertrauen sich weder darum bemühen können, noch darin einen Sinn sehen gehört zu werden. Geben wir uns gegenseitig Raum öffentliches Sprechen abseits von Verwertungsund Leistungslogiken zu üben. Fahren wir zu den Menschen, hören ihnen zu, bauen wir daraus poetische Welten, die die Unterschiede sichtbar und damit soziale Barrieren überwindbar machen. Erreichen wir sie, erreichen wir uns. Werden wir zu Geschichtenerzählenden zwischen den Welten, Klassen, Milieus, Menschen.
Die ganze Welt klingt, immer, solange es eine oder einen Hörenden gibt. Wie ich höre, bestimmt, was sich für eine weite Welt in mir entfaltet. Umso tiefer der Klang in mir sinkt, umso intensiver klingt die Welt.
Menschen hören auf zu reden oder lassen reden, wenn sie Angst empfinden. Wenn sie die Erfahrung gemacht haben, dass ihnen immer und immer wieder nicht geglaubt, nicht zugehört wird oder ein Gespräch keine Veränderung bewirkt. Menschen werden misstrauisch, wenn ihnen etwas verheimlicht wird, Transparenz fehlt und Machtverhältnisse verschleiert werden. Wir leben in
Zeiten, in denen der Mensch sich in Projekte zergliedert, entweder als Teilnehmer*innen oder Manager*innen. Dabei werden Verantwortlichkeiten verrückt und ins Individuum deligiert. Du bist deines Glückes Schmied wird zur Schuldandrohung. Dabei verschwinden strukturelle Ungerechtigkeiten und eine laute Stimme, die über das Private hinaus klingt, wird unmöglich. Wie also im Sprechen und zuhören bleiben? Wie zugewandt bleiben? Wer hört zu? Wer spricht? Und wer hat was davon? Wir leben in kapitalistischen Zeiten, bei der jeder Bereich des Lebens kapitalisiert wird. Es ist mal wieder an der Zeit zu fragen, wie lange wir an der Oberfläche kratzen wollen oder den Schritt zu tiefgreifender Kritik und ehrlicher Selbstkonfrontation wagen wollen,
bevor uns die gesellschaftlichen Umstände dazu zwingen in einen ernsthaften Überlebensmodus zu wechseln.
Das alles kann ich sagen, schreiben, und selber versuchen zu leben, aber es wird wohl ins leere Laufen. Um den Spaß zu behalten und meine Kritikfähigkeit zu feiern und Ausdruck zu verleihen, begrüße ich ein Bürgerradio, auch in Gera!
Anna Barth, Dezember 2025
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